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Kunst und gute Noten

Mit Kunst und guten Noten gegen die Angst

NRZ, Dirk Angenendt, vom 15.12.2009

Mit 17 Jahren wurde Lara (Name von der Redaktion geändert) krank. Sie hörte plötzlich Stimmen, die ihr einflüsterten, sie tauge zu nichts, immer öfter sagten die Stimmen auch, sie solle sich am besten umbringen. Die Stimmen kamen auch während des Unterrichts an einem Essener Gymnasium. Lara konnte sich in ihrer Klasse kaum noch konzentrieren. Die Stimme des Lehrers, Geräusche der Mitschüler und optische Reize mischten sich zu einem Brei. Lara konnte dem Unterricht nicht mehr folgen, Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr unterscheiden. Sie war auf dem Weg nach Innen. Das bemerkten auch ihre Mitschüler, immer öfter wurde sie gehänselt und gemobbt. Mit dem „komischen Mädchen" wusste niemand mehr etwas anzufangen, auch die Lehrer nicht.
Immer öfter blieb Lara morgens im Bett, wurde zur Schulschwänzerin, bis sie eines Tages ganz draußen war, die Schule abbrach. Untersuchungen ergaben: Lara litt an einer schizophrenen Psychose: Psychisch krank, ohne Schulab-schluss, ohne Perspektive auf einen Ausbildungsplatz und einen Job, mit 17 schon Kandidatin für die Frührente - und das, obwohl sie eine intelligente, sensible junge Frau ist.
Es ist dann aber doch ganz anders gekommen: Lara besucht heute ein Abendgymnasium, will sogar ihr Abitur machen, „etwas mit Ernährung" studieren. Ihr Glücksfall war der „Professor-Eggers-Lehrgang", der 2006 in Essen startete: 15 junge Erwachsene bekamen damals die Chance,
ihre Schulabschlüsse bis zur Realschule nachzuholen, obwohl sie wie Lara unter Psychosen, Depressionen oder Angststörungen leiden.
Krankheitsbilder, mit denen keiner von ihnen eine Chance hat, in einer Regelschule zu bestehen. Professor Christian Eggers, langjähriger Direktor der psychiatrischen Abteilung der Rheinischen Kliniken an der Uni-Klinik, stieß das Projekt an: „Psychisch kranke Jugendliche verfügen über große Ressourcen, die niemand auf den ersten Blick sieht. Ein Schulabschluss hilft ihnen, dass sie ihr Leben nicht dauerhaft in Anstalten verbringen müssen."
Und so funktioniert es: Jugendliche, die aus Einrichtungen   der   Eggers-Stiftung, aus betreuten Wohngruppen oder aus der ambulanten Betreuung bei den Eltern kommen, werden von der Volkshochschule Essen in vier Semestern (zwei Jahre) im Bürgerzentrum „Villa Rü" für ihren Abschluss fit gemacht. Das Besondere: Zur schulischen kommt die psychologische Betreuung, die hier integriert ist. Im „Methodentraining" übt Psychotherapeut Michael Hemmerle von der Eggers-Stiftung mit den Schülern Selbstwahrnehmung. Die Schüler können damit ihre jeweilige Situation erkennen und darüber sprechen. So lernen sie, Krisen zu lösen, Konflikte zu bewältigen und - wo nötig - den eigenen Alltag besser zu strukturieren. Die Stimmung im Kurs ist behutsam und geschützt: „Wenn jemand einen schlechten Tag hat oder gerade von einer Angststörung geplagt wird, können wir darauf eingehen. Der Schüler kann den Unterricht auch verlassen, einfach eine Pause machen, die er vielleicht gerade braucht", berichtet Heike Reintanz-Van-selow, Lehrgangsleiterin der VHS. Und: „Ganz wichtig ist auch die starke Solidarität der Gruppe. Jeder Schüler hat seine psychischen Krisen erlebt, ist seit Jahren therapieerfahren. Sie stützen sich gegenseitig, und es ist sehr schön, das zu erleben", so Reintanz-Van-selow. „Hier fühlte ich mich zum ersten Mal in einer Schule ernst genommen, ja eigentlich normal", berichtet Lara. Der erste Kurs war erfolgreich, zehn Schüler schafften ihre Abschlüsse. „Ein Projekt, das es in dieser Form nur in Essen gibt. Das Interesse daran wächst stetig. Es kommen bereits Jugendliche aus Nachbarstädten nach Essen", sagt Christian Eggers, dessen Stiftung zusammen mit der Sparkassenstiftung und der RWE-Jugendstiftung den ersten Kurs finanzierte. 

Der Mann ist gut vernetzt: So gelang es Eggers, dass Sozial- und Jugendamt der Stadt die Kosten des zweiten Kurses übernahmen, der im September 2008 begann. Und noch etwas ist geglückt: Um die Chancen der psychisch Kranken auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erhöhen, lernen die Schüler, ihre meist hohe Intelligenz und Kreativität künstlerisch beim Kunstprojekt „Unart" umzusetzen. Auch Bewerbungs- und Präsentationstrainings gehören dazu. Ermöglicht hat diesen Zusatzkurs Berthold Beitz. Der Vorsitzende des Kuratoriums der Kruppstiftung verzichtete auf die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag, spendete stattdessen für das zusätzliche Qualifizierungsprojekt.


„Eigentlich können sich die Arbeitgeber auf unsere Jugendlichen freuen", sagt Fachbereichsleiterin Heike Hurlin (VHS), „sie sind fachlich so gut wie Schüler von den Regelschulen, gleichzeitig sind sie durch ihre Therapieerfahrungen überaus sozial kompetent und jetzt auch noch in der Selbstpräsentation gut ausgebildet".
Wenn alles gut geht, werden im Juni 2010 alle 15 Teilnehmer den Realschulabschluss (Fachoberschulreife) in der Tasche haben. „Der Notenspiegel dieser Klasse ist wirklich stark", sagt Heike Vanselow-Reintanz. Stolz klingt in ihrer Stimme: „Was diese eigentlich psychisch kranken Jugendlichen dann an der VHS geleistet haben werden, kann ein Mensch, der nicht unter Wahnvorstellungen oder Angstattacken leidet, wahrscheinlich kaum nachempfinden."

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