Selbstständig mit der Psychose
Rheinische Post, vom 06.01.2009
Im Wulf-Alexander-Strauer-Haus werden psychose-kranke Jugendliche in einer Wohngemeinschaft und in Trainings-Appartements auf einen selbstständigen Alltag vorbereitet. Sie werden rund um die Uhr betreut.
VON DIRKE KOPP
Ein Jahr lebt Sabine* nun schon im Wulf-Alexander-Strauer-Haus. Wer die hübsche junge Frau mit den langen, dunkelblonden Haaren sieht, käme nie auf die Idee, dass sie mit 17 die Schule abbrechen musste, weil sie Stimmen hörte und ihre eigene Familie nicht mehr erkannte. Sabine war an einer Psychose erkrankt. „Ich hörte Stimmen, als sei jemand im Raum, und habe mich mit meinem toten Opa unterhalten", erinnert sich die 19-Jährige.
Rein statistisch erkrankt ein Prozent der Bevölkerung einmal im Leben an einer Psychose. Der Beginn ist meist schleichend: Gedankengänge, Wahrnehmung, Gefühlsleben verändern sich. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass sich ihre Umwelt verändert, erleben vieles als bedrohlich und angsteinflößend, ziehen sich zurück.
Zu den Auslösern zählte unter anderem Mobbing in der Schule
Auch bei Sabine war das so. Doch sie hatte Glück: Ihre Eltern reagierten schnell und gingen nach einer Woche mit ihr zum Arzt. Der überwies sie mit einer Psychose in die Psychiatrie. Zu den Auslösern zählten bei Sabine außer einer genetischen Disposition wahrscheinlich Stress, das zu schnelle Absetzen eines Epilepsie-Medikaments und Mobbing in der Schule. Vier Monate wurde sie psychotherapeutisch und mit Psychopharmaka behandelt. Kurz nach ihrer Entlassung aus der Klinik zog sie ins Strauer-Haus. Das Mehrfamilienhaus in Oberbilk, in dem psychosekranke Jugendliche in einer Wohngemeinschaft betreut und auf eigenständiges Leben vorbereitet werden, war damals gerade eröffnet worden'.
Getragen wird es von der Wulf-Alexander-Strauer-Stiftung und der Eggers-Stiftung. Bis zu elf Jugendliche ab 14 Jahren, die wegen psychotischer oder psychoseähnlicher Erkrankungen Anspruch auf Wiedereingliederungshilfe haben, werden dort für zwei Jahre aufgenommen und rund um die Uhr von Sozialarbeitern und Psychotherapeuten betreut.
Dazu gibt es neben Ergotherapie, Malen und Gesprächsangeboten eine Kooperation mit der Kinder-und Jugendpsychiatrie der Rheinischen Kliniken und den Jugendhilfeeinrichtungen der Stadt.
Heute ist sie offen und fröhlich
Mit Sabine wohnen sieben Jugendliche im Wulf-Alexander-Strauer-Haus. Sven* macht ein Berufsvorbereitungsjahr und schreibt derzeit Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz. Ellen* geht noch zur Schule. Bevor ihre Psychose diagnostiziert wurde, hielt sie die meisten Menschen für böse. „Für mich waren sie alle Teufel", sagt sie. Die Krankheit schritt voran, sie war antriebslos und nicht in der Lage, sich anzuziehen oder zu duschen. Nach einem Klinikaufenthalt zog auch sie ins Strauer-Haus. Sie verkraftet ihre Medikamente gut und fühlt sich wohl in der Gemeinschaft. Heute ist sie offen und fröhlich, befragt neue Bekannte charmant und detailliert, ist eng mit Sabine befreundet. Sabine selbst ist inzwischen so weit in ihrer Therapie fortgeschritten, dass sie in eines der drei Trainings-Appartements zieht - es ist der nächste Stufe auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit.
* Namen aller Jugendlichen geändert
Foto: In Entspannungs-Sitzungen, Gesprächstherapien und im Miteinander lernen die jungen Menschen, mit ihrer Krankheit zu leben.