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Interview mit Prof. Eggers

Professor Eggers

Professor Eggers

Wie lange arbeiten Sie schon mit psychisch Kranken zusammen?
Seit 1975, da habe ich meine Ausbildung als Facharzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie gemacht und vorher habe ich mich acht Jahre lang in Heidelberg mit Kinderheilkunde beschäftigt, habe mich dann aber entschlossen, etwas ganz Neues zu machen. 1979 bin ich nach Essen gekommen und habe die psychiatrische Abteilung der Rheinischen Kliniken in Essen mit aufgebaut.

Bleibt da noch Zeit für sich über, ich denke das ist ganz schön viel,
oder?

Das ist wirklich sehr viel und es bleibt wenig Freizeit über. Dieser Job ist sehr umfangreich und sehr vielfältig, man muss die Klinikleitung machen, man muss lehren, also Unterricht geben, die Mitarbeiter fortbilden, Bücher und Artikel schreiben und da bleibt das Wochenende dann für schriftliche Arbeiten. In Ruhe kann man hier nicht viel machen, es geht das Telefon oder irgendetwas, es ist schon ein Problem, dass man sehr wenig Freizeit hat.

Haben Sie selbst auch schon ein Buch geschrieben?
Ja, etliche Fachbücher. Wir haben jetzt zu dritt ein Lehrbuch abgeschlossen, was über 1000 Seiten hat.

Wie heißt dieses Buch?
Das heißt einfach „Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und
Jugendalters".

Wie kam es zu der Stiftung des Hauses Trialog?
Ja, das ist eine alte Idee gewesen. Wir haben festgestellt, dass wir für unsere Patienten hier sehr viel tun und sie hinterher in ein Loch fallen. Ich habe einen Patienten sehr lange therapeutisch behandelt und dieser ist letztendlich in einem Krankenhaus gestorben. Dann habe ich gesagt; „Es wird eine Institution geben, in der wir unsere Patienten zumindest für einen Zeitraum von zwei Jahren weiterbehandeln können, sie betreuet werden, sich verselbststandigen können und wo mit Familien zusammengearbeitet wird!" Da war die Idee geboren.
Dann habe ich mich an Krankenkassen, Jugendhilfeeinrichtungen und andere Versorgungseinrichtungen gewandt die sich dafür zuständig fühlen sollten, doch keiner fühlte sich zuständig. Irgendwann habe ich Wut bekommen und alles selbst in die Hand genommen. Nach zwei oder vier Jahren konnte ich dann, mit Hilfe von anderen Leuten und Stiftungen, endlich ein Haus kaufen und es
umbauen lassen.
Ich habe mit Patienten, die an einer Schizophrenie erkrankt sind, schon sehr früh Kontakt gehabt und zwar schon, als ich mein Studium abgeschlossen hatte. Im Rahmen meiner Doktorarbeit habe ich Erwachsene aufgesucht, die als Kinder erkrankt sind. Sie litten also sehr früh an einer psychischen Erkrankung und das ist sehr selten. Über dieses Krankheitsbild gab es nur ganz wenig Forschung und vor allem über den Verlauf dieser Erkrankung nur ganz wenig und nicht über so einen langen Zeitraum. Üas war damals ein Zeitraum von 15 Jahren. Zwischen fünf Jahren mindestens und 40 Jahren längstens, das heißt die älteste Patientin die zu mir ins Zimmer kam ist 54 Jahre alt gewesen, welche ich noch mal in einem Wohnklinikauf enthalt besucht und untersucht habe, als sie schon über 80 war. Daran kann man sehen wie wertvoll das Ganze ist. Rein auf Grund der großen Spanne und dem Verlauf einer solchen Krankheit. Und auch war sehr überraschend, dass doch mehr als 20 %, also mehr als ein fünftel voll ausgereift sind, also dass die Heilungschancen doch sehr günstig sind, was man eigentlich nicht erwartet hatte.

Es ist doch ziemlich anstrengend, Gespräche mit Patienten zu führen,
oder?
Vor allem seelisch anstrengend, aber unheimlich bereichernd, eindrucksvoll und menschlich. Das war für mich ein großes Glück, über diese Menschen habe ich so viel erfahren und von ihnen geschenkt bekommen. Nicht an Verstand sondern gefühlsmäßig, dass war für mich ganz, ganz wichtig. Das war ein richtiges Erleben eigentlich.

Nimmt man da auch etwas für sich mit?
Ja, allerdings, das sind ja hoch differenzierte Menschen. Die werden da von der Gesellschaft verachtet, zu Unrecht.

Wie kamen Sie auf den Namen Trialog?
Das ist eine interessante Frage. Es soll nicht so sein, dass nur der Patient und der Psychologe in Kontakt sind, sondern dass als dritter die Familie mit einbezogen wird. Deswegen Tri 1 2 3 das alte tri aus dem Griechischen oder aus dem lateinische tres. Eltern und Angehörige sind von Anfang an dabei gewesen und deshalb sehr wichtige Partner. Eltern kann man sich ja vorstellen, wenn sie ein Kind haben, was ein guter Schüler oder begabte Gymnasiastin oder Studentin etc. ist und plötzlich nicht mehr die guten Leistungen bringen kann, wie vorher. Das ist was Schlimmes für eine Familie und schlimm für Eltern, schreckliche Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung und...

Gehen dadurch nicht auch Familien kaputt?
Eigentlich nicht. Also, wir haben nur gute Erfahrungen. Die Angehörigen, die ein schizophrenes Familienmitglied haben, sind sehr besorgt umeinander und sehr interessiert an Therapien. Das sind sehr verlässliche Partner.

Gab es auch Patienten, die Sie durch ihre Geschichte berührt haben? Allerdings, wer hier nicht berührt sein kann, der hat den falschen Job!
Würden Sie sagen, dass Ihr Beruf zum Hobby geworden ist?
Bei mir schon, ja!

Haben Sie sonst noch Hobbys?
Ja, ich höre gerne Musik, gehe in Konzerte, wenn die Zeit dazu da ist. Ich interessiere mich für Kunst, für Dichtungen, für Philosophie und ich lese sehr gerne und viel.

Was haben Sie für Zukunftspläne?
Ich möchte jetzt noch mal die zweite Verlaufsuntersuchung von meiner ersten Untersuchung von Erwachsenen die als Kinder erkrankt sind in Form eines Buches zusammenfassen, möglichst in Englisch. Mich natürlich weiterhin um das Haus Trialog kümmern. Dann möchte ich, das ist auch ein fester Wunsch von mir, im nächsten Jahr Antistigmakampagnen machen und zwar an Schulen.

Was heißt das genau?
Stigmatisierung heißt eben, dass es typisch ist bei Schizophrenen, das/Sie einen schlechten Stempel bekommen. Die taugen nichts, die sind schlecht, sie sind verrückt. Es war ja eine große Bürgerinitiative gegen mein Projekt, es waren über 300 Leute aus der Nachbarschaft, die haben gesagt, das sind Kinderschänder, das sind Mörder und all diese Dinge. Sie haben behauptet, dass sie nicht frei rumlaufen dürfen und das sind ganz falsche Vorurteile gegenüber den Patienten mit psychischen Erkrankungen.

Irgendwo heißt das doch auch, dass sie dann durch die Gesellschaft
noch kränker werden, oder?

Der gesellschaftliche Einfluss spielt für die Ursachen nicht so eine große Rolle, aber für den Umgang damit und die Heilungschancen schon. Sie sind hochdifferenziert, hochsensibel, hochempfindsam und sie müssen sich schützen und sind deswegen auch ein bisschen zurückgezogen. Es gibt alle möglichen Mechanismen, um sich vor irgendwem zu schützen,-sie sind sehr empfindlich, wenn sie aber spüren, da ist jemand, der es gut mit ihnen meint, dann können sie sich Öffnen.

Das macht die ganze Sache doch noch viel schwerer, oder?
Obwohl ein Patient von mir ganz schwer personlichkeitsverändert war, konnte er dadurch, dass seine Mutter und sein Meister der Arbeitsstelle so gut zusammen gearbeitet haben und so fürsorglich zu ihm waren, jeden Tag seine acht Stunden arbeiten, dass war einfach toll. 30 Jahre später habe ich ihn noch einmal nachuntersucht, da hat er bereits in einer Wohngemeinschaft gewohnt und man konnte ihm nichts mehr anmerken.

Glauben Sie, dass es für Schizophrene einfacher ist, wenn er mit
Menschen seiner Art zusammenlebt?

Das Erleben, dass andere Menschen auch Probleme mit dieser Krankheit haben, kann durchaus entlastend sein.

Worauf kam es bei den Vorstellungsgesprächen der Mitarbeiter des
Hauses Trialog an?

Es kam darauf an, ob sie Erfahrung haben, ob Sie Herz haben...

Wie haben Sie das in diesen kurzen Gesprächen festgestellt?
Man muss die Gespräche ziemlich ausführlich gestalten und dann gibt es natürlich auch Zeugnisse, aber man kann in einem kurzen Gespräch durchaus merken, ob ein Mensch Herz hat oder nicht.

Prof. Eggers im Interview mit Sabrina Rüger und Patrick Gabrowski, Schülerzeitung "Zwischenzeit", 2003

 



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