Was hat das Projekt UNART ...
... mit Klinik und Therapie zu tun?
Hat Kunst überhaupt etwas in der Klinik zu suchen ? Was verbindet die moderne Kunst mit der psychotherapeutischen Arbeit bei Kindern und Jugendlichen? Es ist, so meine ich. das Benennen: das Sichtbarmachen von individuellen und gesellschaftlichen Konflikten und Problemen, So geht es in der modernen Kunst u.a. auch um das Sichtbarmachen des Konflikts zwischen individuellem Streben nach immer mehr Wohlstand und „Vergnügen" und dem damit verbundenen Raubbau an den natürlichen Ressourcen der Welt, in der wir leben. In dieser Therapie geht es auch um das Benennen, um die Benennung der Gefühle von Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung, Wut, und vor allem der Beschämung und Schuld, Gefühle, die unbewußt wirksam sind und das Kind oder den Jugendlichen an der Entfaltung seines lebendigen Lebens behindern, ihn vielmehr gefangenhalten in einem Gefängnis von widersprüchlichen, verwirrenden und lähmenden Gefühlen.
Kinder und Jugendliche, die zu uns kommen, weil in ihrer bisherigen Entwicklung nicht alles so gut gelaufen ist, wie es für ein gesundes seelisches Gleichgewicht und psycho-somatisches Wohlbefinden notwendig gewesen wäre, sind im Grunde zutiefst verzweifelt. Diese Verzweiflung verbergen sie häufig hinter ihren Symptomen, die dadurch zu einer Art „Maske" werden. Maskendarstellungen sind nicht selten in den künstlerischen Produktionen von Kindern und Jugendlichen, die an dem Kunstprojekt UNART teilnehmen. Bei vielen von ihnen nimmt das Herstellen von Masken und das Sich-Schminken einen breiten Raum ein (vgl. hierzu Schwer 1991).
Das Sich-Maskieren und Schminken dient nicht nur als Schutz und Abwehr gegenüber Ängsten, Schuld und Scham, sondern symbolisiert auch das Schicksal des Nicht-Gesehenwerdens, des Nicht-Gehörtwerdens, des Nlcht-Dazugehörens. Das Schicksal des Nicht-Wahrgenommen-Werdens hängt in aller Regel mit dem Schicksal ihrer Eltern zusammen, das dem ihren gleicht, nämlich der Erfahrung, daß die Eltern selbst als Kinder von ihren eigenen Eltern nicht in ihrem eigentlichen Wesen wahrgenommen worden sind. Statt dessen dienten sie selbst als Projektionsorte unerfüllt gebliebener Hoffnungen, Wünsche, und Strebungen ihrer Eltern, die eben, weil sie unerfüllbar waren und unerfüllt geblieben sind, in der Hoffnung auf ihre Kinder projiziert worden sind, daß Erlösung durch diese Kinder für sie, die Eltern, erfolgen möge, Erlösung, die auf diese Weise nicht eintreten kann. Eltern der Kinder und Jugendlichen, die zu uns kommen, waren selbst einmal gedemütigte, nicht wahrgenommene, geängstigte und verzweifelte Kinder. Sie erhofften sich, aus dem Zirkel von Unverstandensein und Nicht-Wahrgenommen-Werden durch ihre Kinder herauszufinden. Kinder wiederum sind von einer Feinfühligkeit und Empfindsamkeit wie später nie wieder! Sie nehmen bereitwillig die Funktion des Trösters ein, trösten den in ihren Augen schwächeren und bedürftigeren Elternteil und verbünden sich mit ihm. In Zeiten stärkerer Krisen kann es zu regelrechten Koalitionen zwischen einem Elternteil und dem Kind kommen. Solche Kinder sind in dieser Rolle des Trösters, des Alliierten, des Verbündeten überfordert. Diese Kinder drücken in der Regel ihr Überfordertsein in einem Symptom aus, Symptomen wie Bettnässen, Einkoten, Nägelkauen oder aber schweren Aggressionen gegen sich und gegen andere bis hin zu suizidalen Handlungen, oder in Form eines Waschzwanges, einer extremen Eßunlust bis zur schweren Magersucht oder im Gegenteil des wahllosen Insichhineinfressens bis zur Fettsucht, oder auch in psychotischen Symptomen mit schizophrenen Denk- und Wahrnehmungsstörungen.
Nochmals die Frage: Was hat Kunst denn mit Seelenkunde zu tun? Auf einem internationalen kleinen Spezialistensymposion über schizoaffektive Psychosen vor einigen Jahren klagte ein britischer Wissenschaftler sehr darüber, wie unglücklich er sei, daß die schizoaffektiven Psychosen, also die Gemütszustände, die sowohl manische, depressive als auch schizophrene Elemente enthalten, so schwer zu klassifizieren und einzuordnen seien. Ich hielt dagegen und sagte, daß mich dies im Gegenteil sehr glücklich mache, sei doch gerade dies ein Zeichen für die Komplexität und Tiefgründigkeit der menschlichen Seele. Man kann ein Wort von Jean-Christophe AMMANN variieren: „Die Unübersichtlichkeit ist kein Argument gegen die Kunst. Vielmehr eines, das für sie spricht". Und genau das läßt sich auch auf die menschliche Seele übertragen und auf die Seelenkunde, die mehr sein sollte, als klassifikatorische Technik, die sicher nützlich ist, aber eben auch in Gefahr ist, dazu zu verkommen, daß man eine trübe Suppe von einem Gefäß in ein anderes schüttet.
Jean-Christophe AMMANN fordert Geduld und Aufmerksamkeit, „auch unter schwierigen Bedingungen". Er versteht dabei Kunst „als eine visuelle Forschung, was sie stets war: emphatisch und analytisch, emotional und reflektiert". Damit hat er treffend das Wesen künstlerischen Tuns beschrieben, und man kann dies auf psychotherapeutisches Forschen und Handeln übertragen. Auch im psychotherapeutischen Prozeß dehnt sich „die Gegenwart in die Zukunft" aus, und die Zukunft macht sich „diffus und beunruhigend in der Gegenwart breit", auch dies sind Worte von Jean-Christophe AMMANN in einem Aufsatz über „Die Chancen zeitgenössischer Kunst", erschienen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" im Juli 1993.
In der Kunst spiegelt sich etwas vom eigentlichen Wesen des Menschen wider, hier entdeckt er sich, hier tritt er in eine gemüts-hafte Beziehung zu sich selbst. Der Mensch drückt sich im künstlerischen Gestalten aus, aber er erkennt sich auch im Kunstwerk wieder. Dieses Doppelverhältnis des Menschen zur Kunst gehört somit zum Wesen der Kunst.
Auch der sog. psychisch Kranke, das Kind, der Jugendliche, dessen gefühlshafte und lebendige Entwicklung durch widrige Umstände beeinträchtigt ist, weshalb er unsere Hilfe in Anspruch nimmt, begegnet im künstlerischen Gestalten seinem eigenen Wesen. Das Sich-Ausdrücken im Bildhaften ist auch für ihn die Möglichkeil, einen Zugang zu gewinnen zu seinen sonst verborgenen Konflikten, Ängsten und Problemen. In der originalen Leistung des bildnerischen Gestaltens spiegeln sich dann auch verborgene Ich-Kräfte wider, die durch den kreativen Prozeß des Malens und Gestaltens zum Vorschein kommen und wachsen können.
Im bildnerischen oder modellierenden Gestalten kann sich das wahre, lebendige Selbst, der tiefe, gemüthafte Kern des Kranken entwickeln, Und eben darum geht es bei uns in unserer täglichen Arbeit mit unseren Kindern und Jugendlichen in der Klinik. Wir begeben uns in ein gemeinsames Abenteuer, dessen Ende offen ist, und bei dem sich in der Tat Gegenwart in die Zukunft ausdehnt und letztere wieder beunruhigend in die Gegenwart hineindrängt.
Der große englische Kinderarzt und Psychotherapeut Donald W. WINNICOTT hat die Bedeutung künstlerischen Tuns für die seelische Entwicklung des Kindes und Jugendlichen treffend in folgendem Zitat beschrieben:
„Durch den künstlerischen Ausdruck können wir hoffen, in Berührung mit unseren primitiven Selbstanteilen zu bleiben, von denen sich die heftigsten Gefühlsregungen und schrecklichen akuten Empfindungen herleiten, und wir sind in der Tat arm, wenn wir nur gesund sind".
Prof. Dr. med. Christian Egger, Essen 1995