Frühwarnzeichen
In der neueren Forschung zu Vorläufersymptomen schizophrener Psychosen des Erwachsenenalters wird zwischen sog. „psychosefernen" und „psychosenahen" Prodromen unterschieden. Unter psychosenahen Vorläufersymptomen versteht man abgeschwächte psychotische Symptome wie paranoide Vorstellungen, extremes Misstrauen, Beziehungsideen, die der psychotischen Symptomatik sehr ähnlich sind und in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem vollen Ausbruch der Psychose stehen.
Bei 23 Probanden (52.3 %) der Stichprobe unserer zweiten Verlaufsuntersuchung (n = 44) konnten wir solche psychosenahen Prodrome beobachten, die Verteilung ist in Tabelle 8 dargestellt.
In jüngster Zeit zentriert sich das Forschungsinteresse auf die Frage, ob sich möglichst lange Zeit vor dem eigentlichen Ausbruch der Psychose sog. Frühwarnzeichen herausarbeiten lassen, deren rechtzeitige Diagnose zu einer Verkürzung des der Psychose vorausgehenden Intervalls führen könnte. Durch eine Abkürzung der unbehandelten Periode (= DUP, Duration of Untreated Psychosis) erhofft man sich eine Verbesserung der Gesamtprognose. In unserer Stichprobe von 44 zum 2. Mal nachuntersuchten Patienten mit einer durchschnittlichen Gesamtbeobachtungsdauer von 42 Jahren zeigte sich, dass das Intervall zwischen dem Alter bei erstem Auftreten unspezifischer psychiatrischer Symptome und dem Zeitpunkt mit eindeutig psychotischen Symptomen länger war, als das Intervall zwischen dem Auftreten eindeutiger psychotischer Symptome und der Ersthospitalisation (1,4 Jahre versus 4 Monate). Bei den jugendlichen Psychosen (n = 44) lagen die Verhältnisse umgekehrt (s. Tab. 9).
Ob die modernen bildgebenden Verfahren im Bereich hirnstruktureller Aberrationen auch für die Früherkennung nutzbar gemacht werden können, hängt entscheidend von der Frage ab, ob solche Auffälligkeiten Ursache oder Folge der Erkrankung sind. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand ist davon auszugehen, dass die Hirnanomalien überwiegend schon vor Ausbruch der Erkrankung entstanden sind und im Krankheitsverlauf stabil bleiben. Womöglich stehen solche Anomalien mit frühen Hirnschädigungen bzw. neuronalen Entwicklungsstörungen in Zusammenhang, da in der Krankheitsvorgeschichte der Betroffenen gehäuft Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sowie frühkindliche Hirnkrankheiten vorkommen. Lediglich eine kleine Gruppe der Erkrankten zeigt ein langsames Fortschreiten der Hirnveränderungen (KUMRA et al. 2000). Ob es sich hierbei um eine eigenständige Untergruppe handelt, kann derzeit noch nicht sicher bestimmt werden.
Um den Bereich von hirnstrukturellen Aberrationen für die Früherkennung praktisch zu nutzen, muss erst noch erforscht werden, inwieweit diskrete Normabweichungen in bildgebenden Befunden im Vergleich mit gesunden Personen als spezifische Indikatoren für eine spätere schizophrene Psychose anzusehen sind. Wenn später erkrankende Personen sich hier schon früh von Gesunden unterscheiden, könnte dies zu einer Verbesserung der Früherkennung führen.
Die erwähnten hirnstrukturellen Veränderungen sind zum Teil durch pränatale Migrationsstörungen neuronaler Zellen in subkortikalen und kortikalen Strukturen bedingt. Hierfür werden sowohl erbgenetische Einflüsse als auch prae- und perinatale Sauerstoffmangelzustände verantwortlich gemacht.