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Frühintervention

Ein großes Problem stellt die Spezifizierung sog. Frühsymptome und Frühwarnzeichen vor Beginn einer Psychose dar. Gerade für Kinder und Jugendliche sind sie als unspezifisch anzusehen. Die geringe Spezifität und nur mäßige prognostische Valenz von Risikobedingungen und Frühwarnzeichen lassen eine verantwortbare Aussage über die Wahrscheinlichkeit einer psychotischen Erkrankung im Einzelfall keineswegs zu.

Auch MALLA und NORMAN (2002) und WARNER (2001) kommen in ihrer kritischen Bewertung entsprechender Studien zu dem Schluss, dass wegen der Unspezifität der Symptome in der Prodromalperiode das Risiko, zu falsch positiven Ergebnissen zu kommen, relativ hoch ist.

Darüber hinaus können frühzeitige therapeutische Interventionen zum Auftreten von sehr unerwünschten Nebenwirkungen führen, so dass die Entscheidung zu einer Frühbehandlung äußerst kritisch und behutsam zu treffen ist. Nutzen und Risiko der Behandlung sind besonders sorgfältig abzuwägen. Auch ethische Aspekte sind dabei zu berücksichtigen, wie z.B. eine vorzeitige Beunruhigung und Stigmatisierung des Patienten und seiner Angehörigen!

Bislang gibt es noch keine überzeugende kontrollierte Studie, die die Wirksamkeit von Frühinterventionen bei schizophrenen Psychosen belegen würde! Dies ist auch das Ergebnis von LARSEN et al. (2001). Die Autoren unterziehen mehrere Früherkennungs- und Frühinterventionsstudien einer kritischen metaanalytischen Evaluation und kommen jeweils zu dem Schluss, dass bisher keine eindeutigen, methodisch sauberen und überzeugenden Studien vorliegen, welche Sinn und Nutzen einer Frühintervention eindeutig belegen! Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch MALLA und NORMAN (2002).

Entgegen der allgemeinen Euphorie in Bezug auf die Früherkennung schizophrener Psychosen ist gerade bei Kindern, deren Verhaltensrepertoire als pluripotent anzusehen ist, äußerste Vorsicht und Zurückhaltung angebracht. Kinder, die eingangs beschriebene prodromale unspezifische Verhaltensauffälligkeiten zeigen, entwickeln nur ganz selten eine psychotische Erkrankung, und es wäre verheerend, diese Kinder alle als potentiell psychosegefährdet anzusehen und einem Screeningverfahren zu unterwerfen! Bislang bewegt man sich hier zwischen Skylla und Charybdis: zwischen möglichem jedoch ungesichertem Nutzen und unnötiger und ungerechtfertigter Verunsicherung von jungen Patienten und deren Angehörigen. Besonders in der Pubertät, Früh- und Spätadoleszenz stellen Unsicherheiten über das Hineinwachsen in die Erwachsenenrolle, Überforderungen durch ungelöste Autonomie- und Loslösungskonflikte, Unsicherheiten der psycho-sexuellen Identität und Schwierigkeiten beim „Abstreifen der Kinderschuhe" alterstypische Probleme dar, welche auf der Verhaltensebene zu unspezifischen Irritationen führen können, wie starke Selbstzweifel, sozialer Rückzug, Kontaktschwierigkeiten, soziale Ängste, Leistungsversagen, alles Symptome, die auch im Vorfeld schizophrener Psychosen auftreten können. Sinnvoll ist eine behutsame und taktvolle Beobachtung solcher Kinder, keineswegs aber therapeutische Schnellschüsse, vor allem nicht mit nebenwirkungsreichen Psycho-pharmaka! Dabei ist insbesondere zu berücksichtigen, dass wir so gut wie nichts wissen über die langfristigen Auswirkungen sowohl typischer als auch atypischer Neuroleptika auf das noch in Entwicklung befindliche kindliche und jugendliche Gehirn.

Trotz dieser Einschränkungen ist es jedoch angebracht, möglichst frühzeitig Risikogruppen zu erfassen und in regelmäßigen Intervallen zu untersuchen und ggf. nach dem sog. psychoedukativen Modell zu behandeln (familiäres Krisenmanagement, Stressbewältigung, Verbesserung der Coping-strategien, rechtzeitiges Erkennen von Frühwarnzeichen, etc.). Dieses präventive Modell entspricht weitgehend dem Programm der poststationären Weiterbehandlung schizophren Erkrankter mit dem Ziel der Rückfallverhütung und der behutsamen Reintegration in den Alltag.