Diagnostisches Vorgehen
Diagnostisches Vorgehen zur Beurteilung des Frühverlaufs von Psychosen
Die eleganteste und aussagekräftigste Vorgehensweise zur Erfassung von Frühsymptomen sind prospektive Längsschnittuntersuchungen. Sie sind allerdings mit Schwierigkeiten verbunden: Man braucht einen „langen Atem". Am besten geht man von einer bestimmten Grundpopulation zu einem definierten Zeitpunkt aus. Am sinnvollsten sind Geburtskohorten eines bestimmten Zeitraums, welche dann in regelmäßigen Abständen von Geburt an bis zum Zielzeitpunkt möglichst von denselben Forschern nachuntersucht werden (z.B. CANNON et al. 2002).
Bei zwei rezenten prospektiven Längsstudien, bei denen in regelmäßigen Intervallen (kinder-)psychiatrische Verlaufsuntersuchungen bis ins Erwachsenenalter hinein durchgeführt wurden (CANNON et al. 2002, POULTON et al. 2000) ergaben sich folgende Prädikatoren für eine Psychose im Erwachsenenalter :
- ungewöhnliches Misstrauen
- Hohe Sensitivität
- Soziales Rückzugsverhalten und
- Selbstberichte über abstruse Vorstellungen und
Wahrnehmungen im Kindesalter
In einer groß angelegten, über vier Dekaden sich erstreckende britische Kohortenstudie an 5.362 Individuen, die zwischen dem 03. und 09. März 1946 geboren wurden, haben JONES et al. (1994) prospektive Daten zu jeweils 11 Messzeitpunkten bis zu einem Alter von 16 Jahren erhoben. Bei Kindern, die später, zum Teil erst im Erwachsenenalter eine Schizophrenie entwickelten, konnten die Autoren folgende Auffälligkeiten in unterschiedlichen kindlichen Entwicklungsphasen feststellen:
- eine verzögerte motorische und sprachliche Entwicklung,
- eine Tendenz zu Rückzug und Einzelgängertum im Alter von vier bis sechs Jahren
- soziale Unsicherheit mit 13 Jahren und
- schlechtere Schulleistungen im Vergleich zur Altersgruppe.
Im Alter von 15 Jahren wurden die Kinder, die später eine Schizophrenie entwickelten, von den Lehrern als auffallend ängstlich eingestuft. Im Alter von 8, 11 und 15 Jahren wiesen diese Kinder gegenüber der Altersnorm niedrigere IQ-Werte auf.
Zu ähnlichen Ergebnissen gelangten DONE et al. (1994) in einer Kohortenstudie bei 7 - 11-jährigen Kindern, die später an Schizophrenie erkrankten. Die Ergebnisse der finnischen Kohortenstudie stützen diese Befunde (Übersicht bei ISOHANNI et al. 2000). DONE et al. (1994) fanden darüber hinaus Geschlechtsunterschiede: Jungen zeigten mit elf Jahren ein überreaktives acting out Verhalten, während Mädchen in diesem Alter eher ein gegenteiliges Muster sozialer Fehlanpassungen aufwiesen, sie waren zurückhaltend, weniger mitteilsam, gehemmt und sozial zurückgezogen.
Zusammenfassend lassen sich somit in der Vorgeschichte von im Erwachsenenalter erkrankten Patienten psychosoziale und emotionale Verhaltensabweichungen auf der einen und kognitive Beeinträchtigungen auf der anderen Seite feststellen. Letztere gehen z.T. mit sprachlichen, perzeptiven und motorischen Entwicklungsstörungen einher.