Psychose, Früherkennung
Frühe Anzeichen und mögliche Interventionen bei psychotischen Entwicklungen
Ein Vortrag an der Medizinische Hochschule Hannover anlässlich der Tagung "Schizophrenie-Frühintervention und Langzeitbegleitung"
Einleitung
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Psychosen des Kindesalters hat keine sehr lange Tradition. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts ist vereinzelt auf das Vorkommen kindlicher Psychosen hingewiesen worden.
Bei diesen Beschreibungen handelte es sich allerdings noch nicht um Psychosen, wie wir sie heute verstehen und mit modernen Klassifikationsschemata diagnostisch eingrenzen, sondern um sowohl ätiologisch als auch symptomatologisch ganz unterschiedliche Krankheitsbilder, so sprach z.B. GÜNTZ (1859) von sog. „Überbürdungspsychosen" des Kindesalters, worunter er psychische Dekompensationsbilder als Folge schulischer „Überbürdung" verstand, heute würden wir sagen Folgezustände von „Schulstress". Erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde von verschiedenen Kinderpsychiatern das Krankheitsbild „kindliche Schizophrenie" klinisch näher umgrenzt. Hier sind in erster Linie die beiden Schweizer Kinder- und Jugendpsychiater Jakob LUTZ und Moritz TRAMER zu nennen. Inzwischen haben sorgfältige klinisch-phänomenologische und verlaufstypologische Untersuchungen die Existenz kindlicher Schizophrenien bewiesen. U.a. durch eigene Langzeituntersuchungen und durch die Verwendung der modernen Klassifikationssysteme (ICD-10, DSM-IV) konnte die nosologische Zusammengehörigkeit schizophrener Psychosen des Kindes- und des Erwachsenenalters belegt werden (EGGERS u. BUNK 1997, 1999). Allerdings: Kindliche Schizophrenien sind selten. Die Prävalenz liegt vor dem 15. Lebensjahr bei 1.4 pro 100.000 (McKENNA et al. 1994). In der Adoleszenz kommt es dann zu einem deutlichen Anstieg der Manifestationsrate mit einem Gipfel zwischen dem 16. und 30. Lebensjahr (McCLELLAN und WERRY 2001).
Das Hauptrisikoalter einer schizophrenen Erkrankung liegt somit in der Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter. Etwa 77% aller Erkrankungsfälle treten vor dem 30. Lebensjahr auf (HÄFNER & AN DER HEIDEN 2000).
In den letzten Jahrzehnten hat die Verlaufsbeobachtung schizophrener Psychosen aller Altersstufen eine zentrale Rolle gespielt. Dabei ist erstaunlich, dass es nur sehr wenige Langzeitverläufe mit genügend langen Beobachtungszeiten in der Literatur gibt.
In ihrer Meta-Analyse an insgesamt 320 Verlaufsuntersuchungen schizophrener Psychosen des Erwachsenen fanden HERGARTY et al. (1994) nur in 5,7 % Verläufe mit einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 20 Jahren, 57% der Verläufe hatten lediglich eine Katamnesefrist von < 5 Jahren.
In jüngster Zeit hat sich das Interesse auf die frühen Entwicklungsphasen schizophrener Psychosen gerichtet. Speziell geht es um Fragen der Früherkennung und –behandlung. Die Früherkennung der Schizophrenie ist mit Schwierigkeiten verbunden. Zum einen erschwert die individuell sehr variable und vor allem unspezifische Symptomatik in der frühen Phase der Erkrankung die Identifikation der Symptome als Vorboten bzw. Prodromalsymptome einer Schizophrenie (ADAM & LEHMKUHL 2002). Dies gilt in besonderem Maße für schizophrene Psychosen des Kindes- und Jugendalters. Ein diagnostisches Problem stellt hier die entwicklungsabhängige Manifestation schizophrener Symptome dar, denn die Erkrankung beginnt in sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen und die Symptome zeigen ein entsprechendes altersabhängiges Kolorit.
Im Vorfeld einer schizophrenen Psychose sind verschiedene Phasen voneinander zu unterscheiden:
- die prämorbide Entwicklung
- das Prodromalstadium und
- die psychotische Vorphase.