Antistigma - Vortrag
Zitat Arno Gruen aus „Der Verlust des Mitgefühls"
„Schmerz und Mitgefühl sind eng miteinander verbunden, ebenso ist unsere Fähigkeit, Schmerz zu erleben, auch bestimmend für unsere Fähigkeit zur Empathie. Gleichzeitig verhindert die Verneinung von Schmerz in der Lebensgeschichte eines jeden Einzelnen die vollständige Entwicklung des eigenen Selbst, verursacht durch den Terror einer Welt, die Nicht-Liebe zur Liebe erklärt" (S. 19).
Hier wird etwas Wichtiges zum Ausdruck gebracht, nämlich, daß nur der ein kräftiges, autonomes und verantwortliches Selbst entwickeln kann, der eigene Schmerzerfahrung, das Gefühl von Leid und Mitleid bei sich selber zulassen kann. Ein
solches Individuum verfügt über ein Selbst, welches in der Lage ist, sich in den jeweils anderen hinein zu versetzen, in dessen
Gefühlswelt, in dessen Auffassungen, Sorgen, Nöte, und eben vor allem in dessen persönlichem Schmerz,
Ein fragiles, schwaches Selbst, ist dagegen ein von sich selber entfremdetes Selbst, ein Selbst, das Gefühle von Glück, von Zuwendung, von Zuneigung, Liebe aber auch von Trauer, Schmerz und Verzweiflung nicht integrieren kann. Gefühle von Ablehnung, Trauer, Schmerz und Verzweiflung werden statt dessen abgewehrt, projiziert auf den anderen, der als anders- bzw. fremdartig erlebt wird.
Damit ist ein verhängnisvoller Weg eingeleitet: Schmerzhafte Gefühle können von einem schwachen Selbst nicht zugelassen werden, statt dessen werden sie stellvertretend beim Anderen verfolgt. Dieser andere wird nun stigmatisiert! Ob er ein körperliches oder seelisches Leid mit sich trägt, beides ist dann Anlaß zu stigmatisieren und dadurch auszugrenzen. Denn die Brücke des Verstehens, des Einfühlens, des Mitleidens ist diesen Individuen verschlossen. Sie ist quasi nicht begehbar. Der Andere wird ausgegrenzt und bleibt ausgegrenzt.
Diese Ausgrenzung verstärkt die ohnehin vorhandene Einsamkeit des Betroffenen und vermehrt sein Leiden! Leid, Schmerz und Einsamkeit werden verstärkt, indem der Ausgrenzende davon verschont bleibt und diese Gefühle bei sich_selber nicht wahrnehmen und erleben muß. So wird einfühlsame und verständnisvolle TeHnahme am Leid des Anderen verunmöglicht.
In der heutigen Gesellschaft, in unserer Zeit heute, gilt der körperlich Kranke viel _eh_er als „salonfähig" als der psychisch Kranke. Bei krebskranken Kindern öffnen sich die Portemonnaies wie von selbst, und sie erhalten finanzielle Unterstützung. Bei psychisch kranken Kindern und Jugendlichen ist das ganz anders: Die Portemonnaies bleiben ebenso geschlossen wie diese Patientengruppe ausgegrenzt bleibt! Dabei zeigen meine eigenen Erfahrungen schon als ganz junger Assistenzarzt mit schizophrenen Patienten, welch hohes Maß an Empfindsamkeit, Sensibilität und_Taktgefühl ihnen eigen ist.janz erheblich viel mehr, als das bei den sog. Normalen bzw. Gesunden der Fall ist. Wie_viel Sensibilität und echtes Gefühl gerade diesen Patienten zu eigen ist, zeigt sich in deren Kunstwerken, sowohl in den Bildnereien, als auch in den Dichtungen und Gedichten! August WALLA, der inzwischen so erfolgreich „vermarktet" und zur Zeit in Köln ausgestellt wird, oder VAN GOGH, der Schweizer Patient WÖLFLI, der Jahrzehnte lang in Bern in der dortigen psychiatrischen Klinik lebte und arbeitete, oder auch der russische Non-Konformist W. JAKOVLEVsind großartige Beispiele hierfür. Schizophren genannte Menschen, die kostbarste Dichtungen geschaffen haben, wie Friedrich HÖLDERLIN, Georg TRAKL und Robert WALSER sind Beispiele für große Literatur.
Wenn man so über Schizophrene spricht, wie ich es tue, gerät man leicht in den Verdacht der Ideajisjerung oder gar Verherrlichung des Schizophrenen. Auch hierin liegt eben, wenn auch verbrämt durch rationales Realitäts-Gerede, eine Ausgrenzung und Verfemung des schizophren genannten Menschen, dessen eigentliches, höchst feinsinniges, empfindsames und sensibles Wesen verkannt und mißachtet
wird, eben als „geisteskrank" oder, wie neuerdings üblich, als Gehirnkrankheit" diffamiert wird/Natürlich gibt es eine ganze Reihe wichtiger neurobiologischer Befunde und Hypothesen, die für die Ätiologie schizophrener Erkrankungen von großer Bedeutung sind. Wir müssen aber aufgrund unseres heutigen Wissenstandes bescheiden feststellen, daß es sich dabei immer noch um eine Vielzahl von Mosaiksteinchen handelt, die uns bislang jedenfalls nicht in die Lage versetzten, über die Ursache oder auch nur eine einheitliche Ätiologie der Schizophrenie eine Aussage machen zu können.
Im übrigen gilt auch für die Schizophrenie, daß rmr eine ganzheitliche Befrachtung der Wirklichkeit näher kommt und eine partikularistische Überbetonung von Einzelbefunden von der Wirklichkeit wegführt.
Nur das Zusammengesetzte, Komplexe, das Denken in Zusammenhängen, hat die Chance, der Wirklichkeit etwas näher zu kommen.
Eine subtile Form der Entfremdung und Verdinglichung des Patienten ist das Starrenffia das Zusammenzählen von Symptomen, auf die der Patient so gerne von der heutigen Medizin reduziert wird. ICD-10 und DSM-IV sind die „Bibel" der heutigen reduktionistischen Psychiatrie.
Ganz anders und der Wirklichkeit näher kommend, ist die Sichtweise von Leo Navratil, der mit seinen Patienten zusammenlebte und der durch seine intensiven und unermüdlichen Bemühungen des Zu-Hörens_und Zu-Sehens so viel von dem, was wir Schizophrenie nennen, verstanden hat. Die künstlerischen Werke seiner Patienten, denen er seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, waren ihm ein
wichtiger Zugang. Heute weltberühmte Künstler wie August Walla und Johann Hauser waren seine langjährigen Patienten in Gugging^
Navratil schreibt in seinem Buch „Schizophrenie undjteljgjon": „Ich glaube, daß es sich bei den charakteristischen Erscheinungsweisen der Schizophrenie überhaupt nicht um .Symptome' in einem medizinischen Sinn, sondern um Selbstdarstellungen der Patienten handelt, bald sehr direkt, bald sehr beschreibend, bald auf hohem Reflexionsniveau und mit voller Absicht vorgebracht, bald einem Ausdruckszwang oder einer Neigung folgend, jedenfalls vielfältig in ihrer Entstehung und in ihrer Darbietung" (S. 13)....
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